Samstag, 15. Mai 2010
Pressemitteilung der Buchloer Zeitung vom 14. April 2010 (www.all-in.de/nachrichten/allgaeu)
18 Bewohner aus den Seniorenheimen Buchloe und Waal besichtigen die Ausstellung „Notlösungen“ im Armenhaus Lindenberg
Buchloe/Lindenberg.Organisieren. Bei diesem Begriff schmunzelt Hermann Kreuzer über das ganze Gesicht. Versonnen. So als fühlte er sich für einen kurzen Augenblick zurückversetzt in die Zeit nach dem Krieg, als er ein kleiner Junge war und man sehen musste, wo man viele Sachen herbekommen konnte. „Organisieren, das war kein stehlen“, wirft der 66-Jährige in die Runde und erhält von vielen Seiten ein zustimmendes Nicken. Sie alle wissen es. Sie waren dabei. Herbert Wintersohl schätzt dieses Wissen. Es ist der Grund, warum auch für den Macher der Ausstellung „Notlösungen“ dieser Nachmittag ein besonderer ist. Seit Ende November läuft die Ausstellung im Lindenberger Armenhaus. In unzähligen Einzelstücken dokumentiert sie Not und Erfindungsreichtum der Nachkriegszeit. Zu Besuch waren einzelne Personen, Familien, ganze Schulklassen – doch noch nie eine so große Gruppe von Zeitzeugen. 18 Personen aus den Seniorenheimen Buchloe und Waal präsentiert Wintersohl heute seine Sammlung. Der Jüngste von ihnen ist Hermann Kreuzer, die älteste eine Heimbewohnerin mit 96 Jahren.
Geschichten als Gegenleistung
Es ist das heutige Klientel, „die Profis“, wie der Buchloer sie nennt, von denen er kleine, aber für ihn so teure Gegenleistung für seine unterhaltsamen Ausführungen erhält: Geschichten. Geschichten wie die von Maria Heidrich. Als Wintersohl die aus einer SA-Uniform gefertigte braune Trachtenjacke präsentiert, bricht es aus der 79-Jährigen heraus. „So etwas hatten wir auch.“ Es ist ein Satz, den Wintersohl gerne hört. Und so erzählt die einstige Schneiderin aus Österreich von Mänteln aus Wehrmachtsdecken und von dem Schaufenster der kleinen Näherei an der Wiener Prachtstraße, in dem in großen Lettern der Spruch zu lesen war: „Aus Altem macht mit viel Geschick, Dein Schneider Dir ein neues Stück.“ Improvisation war an der Tagesordnung. Es gab ja nichts zu kaufen, erklärt Heidrich. Keine Schuhe. Kein Gewand. Es ist ein Spruch, den man an diesem Nachmittag öfter hört. Andere steigen in Diskussion ein. Barbara Hoffmann (90) berichtet von fahrenden Handwerkern, die nach dem Krieg von Dorf zu Dorf zogen und mit dem Gummi alter Fahrradschläuche, Schuhe besohlten. Oftmals nur für eine Mahlzeit. „Organisiert“ war vermutlich auch das Stück Flugzeugblech, aus dem einst der Beerenpflücker gefertigt wurde, den Wintersohl präsentiert und der ein bisschen wie ein grober Lauskamm aussieht. Rüstungsmaterial war selbst Jahre nach dem Krieg noch überall im Wald zu finden, erzählt Kreuzer. Auch rund um Waalhaupten. Es ist nur eine Randnotiz, aber sie ist auffällig: In all den Erzählungen schwingt immer ein Quäntchen Stolz mit. Als wollten die Anwesenden sagen: Seht her, wir hatten wenig, aber wir haben das Beste daraus gemacht.
Zeichen der emotionalen Nähe
Bei vielen offenbart sich die Erinnerung aber auch wortlos. Als ein Schmunzeln, ein kleines wissendes Nicken, ein kaum erkennbares Glänzen in den Augen. Kleine „Zeichen der emotionalen Nähe“, wie Wintersohl sie nennt. Dass Erinnerung aber auch ein zweischneidiges Schwert sein kann, weiß Marion Tomschik. „Viele genießen sie“, erklärt die Pflegerin: „Aber es gibt auch manche, die wollen damit nichts mehr zu tun haben, sie wollen die schlechte Zeit einfach vergessen.'“ Heute habe sie während der Führung aber ein sehr gutes Gefühl gehabt. Zu oft kam der begeisterte Ruf: „So etwas hatten wir auch.“
Wenn Sie diese Ausstellung "Notlösungen" ebenfalls zeigen möchten. Nehmen Sie bitte Kontakt mit mir auf.
Weiterlesen...Den nächsten Vortrag können Sie am Mittwoch, 30. März 2011 im Pfarrsaal in Peiting hören. Thema: Die Vögte von Schongau - Die mächtigsten Männer des 13. Jahrhunderts kamen aus Hausen bei Peiting!