Samstag, 19. Juni 2010
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Pressemitteilung der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 07.06.2010 (www.augsburger-allgemeine.de/Home/Artikel,-Aus-dem-Stahlhelm-wurde-ein-Nudelsieb)
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Deutschland 1945: Das Land liegt in Schutt und Asche, die Menschen sind traumatisiert, es herrschen Not und Elend. Während bei vielen der Irrglaube herrscht, jetzt werde alles besser, wird schnell klar, dass es an den einfachsten Dingen des täglichen Lebens mangelt: Nahrung, Kleidung, Brennmaterial, Haushaltsgegenstände. Das Problem: Bis zur Kapitulation war die gesamte Industrie auf Kriegsproduktion ausgerichtet, Alltagsgegenstände wurden schon lange nicht mehr hergestellt.
Wo diese auf der einen Seite fehlen, hat man auf der anderen Seite nach Kriegsende plötzlich überflüssige Rüstungsgegenstände. Soldatenhelme, Geschosshülsen, Gasmasken - auf Feldern, Wiesen und in den Städten sammelt sich der Kriegsschrott. Und so wird aus der Not eine Geschäftsidee geboren: die industrielle Umarbeitung von Kriegsgegenständen zu Dingen des täglichen Lebens. Viele Jahre haben sie in deutschen Haushalten überdauert, seit Sonntag sind sie in einer Sonderausstellung im Bahnpark Augsburg zu sehen.
Die Exponate zeigen vor allem, dass der Fantasie damals keine Grenzen gesetzt waren. Aus Pulversäckchen wurden Puppenkleider, aus der Transportdose für die Gasmaske entstand eine Teekanne. Auch alte Wehrmachts- und Feuerwehrhelme wurden umfunktioniert. Ränder abschneiden, Löcher rein, Henkel dran - fertig war der Nudelseiher.
„Das ist wirklich deutsche Genialität“, zeigt sich Herbert Wintersohl begeistert, „in einer Situation des größten Elends zeigten die Menschen unglaubliche Kreativität und Erfindergeist.“ Wintersohl ist Kurator der Ausstellung und legt vor allem viel Wert auf die Geschichte, die die Gegenstände erzählen, zum Beispiel die Entstehung eines ausgestellten alten Brautkleides. Aufgrund der vielen Kleidersammlungen für die Soldaten war Stoff nach Kriegsende knapp und so wurde das Kleid für die Braut eines deutschen Soldaten in britischer Gefangenschaft kurzerhand aus einem gebrauchten Rettungsfallschirm gefertigt.
Das Umnähen machte Mode, viele Schneidereien beschäftigen sich schon kurz nach Kriegsende nur noch damit, aus alten Wehrmachtsdecken und Hakenkreuzfahnen Kleidung und Bettwäsche herzustellen. Auch Getreide - und Kartoffelsäcke, die ehemals zur Heeresverpflegung dienten, wurden umgearbeitet, durften aber aufgrund des neuen Hakenkreuzverbots nur „auf links“ getragen werden.
Ein weiteres Problem für die Produktion war, dass die Farbe des Militärs nicht weiter verwendet werden durfte und so viele der tarngrünen Gegenstände erst einmal anders gefärbt werden mussten. „Das macht die Zeit zwischen 1945 und 1948, als dann das Wirtschaftswunder für Aufschwung sorgte, so spannend, dass die benötigen Produkte zwar bekannt waren, aber ihre Produktion völlig neu erfunden werden musste“, so Wintersohl.
Seit mehr als zehn Jahren ist der Künstler aus Buchloe mit dem Sammeln der gezeigten Exponate beschäftigt, viele der Gegenstände hat er im Internet ersteigert und auf Flohmärkten erworben. Seit er mit den „Notlösungen“ der gleichnamigen Ausstellung durch Deutschland zieht, kommt es aber auch immer wieder vor, dass Besucher ihm Gegenstände schenken.
Auch in Augsburg hofft Wintersohl jetzt auf etwaige Spender, die ihre Dachböden und Keller nach geeigneten Ausstellungsstücken durchforsten. Und auf zahlreiche Besucher seiner Ausstellung, die nicht nur Geschichte zum Anfassen sein soll, sondern mit der er Zeitzeugen, deren Kinder und Enkel zum Dialog über die Nachkriegszeit anregen will.
Info: Zu sehen ist die Sonderausstellung „Notlösungen“ im historischen Bunker auf dem Bahnparkgelände (Firnhaberstraße 22 c). Geöffnet ist an den Museumsnachmittagen am 4. Juli, 1. August, 5. September sowie dem 3. und 24. Oktober jeweils von 13 bis 17 Uhr.
Wenn Sie diese Ausstellung "Notlösungen" ebenfalls zeigen möchten. Nehmen Sie bitte Kontakt mit mir auf.
Weiterlesen...Den nächsten Vortrag können Sie am Mittwoch, 30. März 2011 im Pfarrsaal in Peiting hören. Thema: Die Vögte von Schongau - Die mächtigsten Männer des 13. Jahrhunderts kamen aus Hausen bei Peiting!