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Herbert Wintersohl

Ausstellungen

Veranstaltung 

Titel:
Die Hungerjahre 1770/71 in Altenstadt
Wann:
07.03.2002 - 07.03.2002
Wo:
BBV - Altenstadt
Kategorie:
Vorträge

Beschreibung

Die Hungerjahre 1770/1772 in Altenstadt

Die Silvesterstiftung von Altenstadt, II. Teil

Nachdem wir uns beim letzten Vortrag zu diesem Thema dem Zweck, der finanziellen Entwicklung und dem Niedergang der Stiftung beschäftigt haben, und wissen, dass die Kreditvergabe aus den Mitteln der Stiftung an Bedürftige der Gemeinde der eigentliche Zweck war, wurden die Überschüsse auch für andere Dinge verwendet, soweit es die Mittel zuließen.
Eine Vielzahl von kleinen und großen Hilfen haben die Altenstädter Bauern durch ihre Stiftung erfahren. Es würde zu einer ermüdenden Aufzählung führen, hier das ganze Spektrum aufzuzeigen, so dass ich heute nur an drei Beispielen aufzeigen werde, wie die Hilfe im Einzelnen aussehen konnte:

  • die Getreidehilfe in den Hungerjahren 1770/1771
  • die Seuchenhilfe 1841
  • die Zinsnachlässe für "Schauer und Mißwachs"

 

Die Hungerjahre 1770/1772

Das eigentliche Hungerjahr ist ja in der Regel die Folge einer schon über mindestens ein Jahr dauernden Entwicklung. So begann auch dieses Unglück schon 1769.

Schon vor Allerheiligen 1769 fiel der erste Schnee. Ende März 1770 sank die Temperatur noch einmal auf –11° Celsius. Das Frühjahr 1770 hatte nur zwei helle und warme Tage: der Pfingstsonntag und der Montag nach dem Dreifaltigkeitssonntag. Die gesamte Wintersaat erfror, auch die Sommersaatrde durch Kälte, Regen und nachfolgende Überschwemmungen schwer geschädigt. Das Heu konnte jedoch in einem relativ guten Herbst eingebracht werden und das Korn konnte noch gedeihen, wenn auch alles in erheblich geringerem Umfang. Der Mangel machte sich erst 1771 richtig bemerkbar. In der Fastenzeit 1771 kostete der Metzen Hafer auf der Schongauer Schranne , den Verkaufplatz für Getreide, 5 fl 40 Kreuzer, eine [damals] unerhörte Summe.

Die Ernte des Jahres 1771 stand gut, als am 13. Juni 1771 ein solches Hagelgewitter die Gegend verwüstete, dass man von Hohenfurch bis Kinsau hätte Schlitten fahren können. Obwohl die Ernte dennoch eingebracht werden konnte, verteuerte sich das Getreide im Winter 1771 wieder erheblich und 1772 waren die Preis für Nahrungsmittel fast unerschwinglich hoch. Gleichzeitig berichtet der Chronist aus Schongau:

1772 war ein hitziges Fieber in dieser Gegend, an dem in machen Orten 30 - 50 Menschen starben. Kein Wunder wenn ein durch Hunger und Unterernährung geschwächter Körper sich gegen Fieber wehren soll

heißt es da. Ursache dieses Fiebers waren aber nicht die geschwächten Körper der Opfer, vielmehr verkürzte die allgemeine schlechte körperliche Verfassung nur den tödlichen Krankheitsverlauf. Die feucht kalte Witterung der Jahre 1770 bis 1772 hatte nämlich zur Folge, dass der Getreidepilz , das giftige Mutterkorn , massenweise vorkam. Der Verzehr führte zu Vergiftungserscheinungen, dem Ergotismus, der in diesen Jahren besonders häufig zu beobachten war. Das hietzige Fieber

war also eine Mutterkornvergiftung . Wie aber hätte man sich vor dem Verzehr des Mutterkorns schützen sollen, wenn das Getreide das Brotkorn war und Bayern bekannt war für seine Mehlspeisen, die es dreimal täglich gab?
Erst 1773 waren die Auswirkungen der Teuerung von 1771 überwunden. Aber wer schon zuvor ¾ seines Einkommens für Lebensmittel ausgegeben hatte, wovon sollte er jetzt leben?

Soviel zur Gesamtsituation der Jahre 1769 – 1773 und damit zurück nach Altenstadt. Bald nach Ostern 1771 wurde kein Getreide mehr in die Schranne gebracht und die, welches noch was hatten, hüteten und verbargen es, aus Sorge verhungern zu müssen. Es blieb kein anderes Mittel mehr als Getreide im Ausland zu kaufen! Der Churfürst von Bayern Maximilian III. Joseph kaufte für 700.000 Gulden Getreide und ließ es an die Armen verteilen.

In dieser großen Not beschloss die Gemeinde alle verfügbaren Barmittel zu nehmen und Weizen aus Trient zu holen. Aus der Kirchenstiftung kamen 140 fl und aus der Silvesterstiftung 550 fl. An diesem Verhältnis zeigt sich die besondere Bedeutung einer so vermögenden Stiftung für Altenstadt.

Warum Getreide aus Trient?

Zum einen natürlich, weil es dort noch Getreide zu kaufen gab und die Schongauer ebenfalls auf dem Weg dorthin waren. Zum anderen aber auch, weil der Weg nach Trient auch den Altenstädtern nicht so unbekannt war, wie man vielleicht meinen könnte. Als mit den Kreuzzügen der Orienthandel wieder einsetzte, war im Süden Venedig der Ausgangspunkt und nördlich war es Augsburg. Die Verbindung zwischen Venedig und Augsburg wurde zur wichtigsten Verkehrsachse Europas und auf diesem Weg lag Schongau/Altenstadt. Man musste allerdings die dazwischen liegenden Alpen überqueren. Das erfolgte über den Reschen- oder den Brennerpass. Die Straße über den Brenner verlief von Schongau ins Ammertal, kam über Oberammergau und Ettal und über den Seefelder Sattel schließlich zum Brenner. Abwärts ging es nach Botzen und Trient und von dort weiter nach Venedig. Damals wurden maximal 30 km am Tag geschafft. Nun kann man sich ausrechnen, wie lange eine solche Reise dauerte.
Eine solche für damalige Verhältnisse außerordentliche Aktion bedurfte gründlicher Vorbereitung.

  • wer konnte ins Ausland geschickt werden,
  • wer verfügte über die erforderlichen Pferde und Wagen,
  • wer konnte die Verhandlungen führen,
  • wer evtl. auftretende Probleme auf dieser langen Reise lösen?

Der Pfarrer kauft Getreide in Italien

Die Wahl fiel auf den Pfarrer, er sprach lateinisch, war (wohl) vertrauenswürdig und aufgrund seiner Tracht auch im Ausland allgemein bekannt. Dazu kam noch der Bauer Johann Georg Kögl, der Schwabbauer Hs. Nr. 29. J. G. Kögl wurde ausgewählt, weil er seit 1766 einer der Stiftungsverwalter war und darüber hinaus über Pferde, Wagen und einen Knecht, den Hausknecht Melchior Cistler verfügte. Damit bestand der Zug aus 3 Personen mit 2 Wagen zu je 4 Pferden.
Dann war das zweite Problem zu lösen, denn in den ‚Geldsäckln’ der beiden Fuhrleute befanden sich vor ihrer Abreise am 13. Mai 1771:

  • 11 Vermierzer Ducaten
  • 16 andere Ducaten
  • 135 Convent Thaler
  • 20 ½ Maxdor?
  • 1 ½ Severin (auf den Ducaten per 4 ½ Duc.)
  • 5 Pfund ganze Calin
  • 2 Convent Stückh
  • 120 Chbr. 30 kr. Stückh
  • 11 Zehner Stück
  • 55 Franz. Gulden
  • 45 Schwebische Minzen

Die Geldwechsler - Wechselkursverluste!

Die verschiedenen Währungen wurden in Gulden (= fl) und Kreuzer (= 60 Kr = ein fl) umgerechnet. Dafür wurden so genannte Sortenzettel angelegt. So kam man auf die oben genannten 690 fl. Diese Sortenzettel sind für die Münzsammler (Numismatiker ) übrigens ein echter Leckerbissen.
In Trient wurde das Geld von den dortigen Kaufleuten aber erneut geprüft, gewogen und bewertet. Und da gab es für die Altenstädter Fuhrleute ein Problem, dass sie nicht kannten und sie völlig überraschte. Die Trienter Weizenhändler bewerteten die Münzen neu. Wie zu erwarten, nicht zum Vorteil der Altenstädter, so dass sich am Ende ein Wechselkursverlust , um einmal ein modernes Wort zu verwenden, von über 57 fl ergab. Allein die 115 Convent Thaler wurden in Altenstadt mit 276 fl bewertet und in Trient nur mit 241 fl was schon 35 fl Verlust ausmachte. Auf dieses Problem komme ich später noch einmal zurück.

Auch wenn man sich ärgerte, es gab, nichts zu verhandeln, denn das Getreide wurde in Altenstadt dringend benötigt. Das Geld reichte nicht nur für Beladung der zwei Wagen sondern es konnten auch noch Getreide für die Säumer gekauft werden. Die Säumer transportierten das Getreide ohne Wagen, direkt auf dem Rücken der Pferde und gingen neben diesen her. Die Verpackungsgröße dafür nannte sich Saum . Davon kauften die Altenstädter noch einmal 28 Saum. So belud man nicht nur die Wagen des Pfarrers und des Johann Georg Kögl sondern kaufte zusätzlich noch 28 Saum Weizen, die auf 7 Pferde verladen wurden und von den Säumern über die Alpen nach Schongau gebracht wurden. Die beiden Altenstädter Fuhrleute machten sich mit ihren zwei voll beladenen Wagen mit je vier Pferden davor sofort auf den langen Weg über die Alpen, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Setzt man voraus, dass auch mit dem beladenen Wagen noch 6 km in der Stunde geschafft wurden und den ganzen Tag über gefahren wurde, kann man sich ausrechnen, wie lange sie unterwegs waren und wie oft sie in Herbergen einkehren mussten, um sich ein wenig Schlaf und den Pferden die nötige Erholung zu gönnen. Was sich auf diesem Weg alles ereignete, geht natürlich aus den Rechnungen nicht hervor, denn sie waren ja bei weitem nicht die einzigen, die in dieser Zeit Getreide über die Alpen brachten. Ein interessanter Eintrag findet sich allerdings drei Säcke seint zu Trient verkauft worden, macht 3 fl . Dieser Eintrag wurde gestrichen! Sollte niemand erfahren, dass schon in Trient Getreide verkauft wurde. Wenn es verkauft wurde, warum? Sicher nicht, weil man ein schnelles Geschäft machen konnte. Hatte man die Wagen zu voll geladen und musste feststellen, dass man damit nicht über die Berge kam? Oder gab es Probleme mit den Pferden oder vielleicht mit dem Zoll? Dinge, die mich schon interessieren würden!
Endlich in Altenstadt angekommen, musste dann das ganze Getreide in der Schongauer Schranne noch einmal verwogen werden und man kam auf 20 ½ Scheffel, den Scheffel zu 40 fl, eine unerhörte Summe zu dieser Zeit. Aber auch die Menge an Getreide ist erstaunlich. 20 ½ Scheffel entsprechen etwa 75 Ztr.
Das Getreide wurde in den beiden Mühlen von Altenstadt gemahlen und von den beiden Stiftungspflegern an die Bauern abgegeben. Nur wenige konnten noch eine kleine Gebühr dafür bezahlen.

"in Verlust zu schreiben bewilligt worden"
Die Schlussrechnung

Damit war das Getreide verteilt. Nun musste die Abrechnung für die Kirchenstiftung und die Silvesterstiftung erledigt werden. Eine Aufgabe, die nicht leicht war, denn es galt der Gemeinde den Wechselkursverlust zu erklären, einem Phänomen das ihnen gänzlich unbekannt war. Dadurch sah sich der Bauer und Stiftungspfleger Johann Georg Kögl (zu Unrecht) angegriffen und er ließ sich vom Pfarrer zur Mehr der Wahrheit einen Sortenzettel schreiben und gab diesen der Rechnung bei, denn er kam auf einen Kursverlust von 63 fl im Gegensatz zur Stiftung, die auf 53 fl kam. Das ganze zog sich dann über ein Jahr hin, so dass man erst in der 1771er Rechnung – vorläufig - vermerkte ".. so hierorts in Verlust zu schreiben bewilligt worden [wegen dem Getraid aus Trient] 90 fl".
Im Jahr darauf war alles bereinigt und zur Abschlussrechnung gebracht.
Von den 550 fl aus der Stiftung, die der Gemeinde als Kredit gegeben wurden, bleibt sie nur 65 fl schuldig, weil man beschloss 220 fl als Verlust aus diesem Geschäft abzuschreiben! Eine Entscheidung, die der Gemeinde sicher nicht schwer gefallen ist, den zu dieser Zeit betrugen die jährlichen Zinseinnahmen ca. 200 fl.

"wegen sehr schlecht gewachsenen Wiesheu und eingefallenem Schnee im Juni"
Hilfe durch Zinsnachlass

Wer kennt sie nicht, die schweren Sommergewitter mit ihren starken Regenfällen oder sogar Hagelschauern, die in Minuten die gesamte Ernte vernichten können. Beredetes Zeugnis dieser Wetterlagen besonders im Voralpengebiet sind die Unterlagen der Hagelversicherungsgesellschaften , die Bayern zu den ersten Hagelgebieten Deutschlands zählen (Quelle Hagelversicherungsbuch). Damals wie heute war der Bauer der Natur hilflos ausgeliefert. Ohne Versicherung konnten zwei Hageljahre wie man so etwas nannte, die Existenz eines Hofes bedrohen und in den Gemeindevisitationen des letzten Jahrhunderts ist z. B. 1897 zu lesen ein Beitritt zur Hagelversicherung ist den Gemeindeangehörigen nahezulegen.
Wie recht diese Visitationsbeamten hatten, zeigt eine Notiz, die der damalige Bürgermeister 1929 an die jährlich abzuliefernde Ertragsschätzungen schrieb

"Alle Betriebe sind in ziemlich ungeschützter Lage, leiden sehr unter Frühjahrs und Herbstfrösten und auch unter Hagelschäden , wobei in den letzten 4 Jahren 5 Hagelschläge zu verzeichnen waren"

Nur am Rande sei erwähnt, dass ein schwerer Hagelschlag am Ende des 16. JahrhundertsAuslöser für den Schongauer Hexenprozess war in dessen Verlauf über 60 Personen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden.

Obwohl man meinen könnte, der Verlust aus den Hungerjahren 1771/72 hätte bei der Silvester Stiftung zu Einsparungen führen müssen, ist das Gegenteil der Fall. Denn zu dieser Zeit war der Kreditbedarf in Altenstadt gedeckt und die Zinseinnahmen betrugen um die 200 fl jährlich.
Erst seit 1776 gewährte die Stiftung aus verschiedensten Gründen Zinsnachlässe, wobei entweder der Zinssatz gesenkt wurde oder ein Nachlass von 25 – 50 % gewährt wurde. Nun könnte man einwenden, dass ja nicht alle einen Kredit hatten, also auch nicht in den Genuss einer Unterstützung kommen konnten. Das stimmt zwar, denn nur 75 % der Altenstädter Bauern hatten zu dieser Zeit einen Kredit. Aber - wer keinen Kredit hatte, brauchte wohl auch keinen und wer keinen brauchte, dem ging es so gut, dass er auch ohne Zinsnachlass leben konnte.

Den Grund dieser Zinsnachlässe darin zu sehen, dass es in den Jahren vorher keine Probleme mit dem Wetter gab, ist natürlich falsch.

1774 zog am 10. Mai ein furchtbares Hagelwetter über die Fluren, welches eine halbe Stunde währte, am 12. Mai ein zweites und am 28. Juni ein drittes "sehr scharfes mit Hagelkörnern von der Größe eines Hühnereis". Die Obst- und Getreideernte machte der dritte Hagel zunichte, indem es "im Kolben schwarz aufgegangen" , ist wie es in den Aufzeichnungen heißt.1775 schlug zweimal ein Hagelschauer "so gewaltig nieder, daß auf keine Ähre mehr zu hoffen war" (nach Göttler S. 479). Exemplarisch nun eine Aufstellung, warum die Zinsen nachgelassen wurden, versehen mit einigen Ergänzungen, denn wer weiß heute noch was der "gelbe Schölm" war?.

1776 "dreimahl (in die) Felder verderblicher Schauer gefallen ... mithin trift hierorths ein Verlust zu mit 59 fl 53 kr".

Zur gleichen Zeit ist eine Vieseuche in Schongau und dort holt man den Sachverständigen Dr. Hainlet, welcher "von der oberen Landesregierung in München anhero angeordnet worden ist". Er wurde beherbergt und verpflegt bei Bürgermeister Johann Ulrich Semmer, Weingastgeber von Schongau. Während er sich die Tiere, deren Unterbringung und Weiden ansah. Mehr ist nicht bekannt. (LIL 1970, S. 37)

1783 "wegen der [durch die] gar zu großen Trockenheit ... verursachten allgemeinen Mängel an Getraide Stroh, Heu, Flachs p.p. eine große Noth in hiesiger Dorfsgemeindt eingefallen ist, daß der dritteihl von den gewöhnlichen Zinsen nachgelassen worden".

1788 "Wegen heuer den 17. July erlittenen fast gänzlichen Schauer und der deswegen fast allgemein herrschende Noth ist die Helfte von den Zinsen nachgelassen worden".
1790 "Es ist heuer mehrmahl der 5te Theil von Zinsesn nachgelassen worden wegen dem erlittenen (Schauer?)"

1791 "Es ist heuer mehrmal wegen dem den 12ten Juni erlittenen gräulichen doppelten Schauer der 4te und 5te Teil von den Zinsen nachgelassen worden".
1792 "Es ist heuer mehrmahl wegen sehr schlecht gewachsenen Wiesheu und eingefallenem Schnee im Juni der 5.Theil der Zinsen nachgelassen worden"

1793 "mehrmal wegen sehr überlästig und Kostspieliger 7mahliger Einquartierung österreichischer Truppen dann starke Verwerfung der Kühe und anderer vielfältiger Unglücke der 5te Theil der Zinsen nachgelassen worden".

In der Chronik von Rott erscheint zu dieser Zeit auch eine Seuche und wird als "Gelber Schölm" bezeichnet. Der Chronist will darin den Milzbrand erkannt haben. Für Altenstadt nehme ich jedoch eher ‘seuchenhaftes Verkalben ’Abortus bang' an. Obwohl durchaus beides gewesen sein könnte. In diesem Zusammenhang liegt es nahe, wieder einmal eine Seucheneinschleppung durch das Militär zu vermuten. Denn die Truppen führten nicht nur die Tiere mit, die als Reit- und Zugpferde im Militärdienst standen, sondern in der Regel auch eine Herde Schlachtvieh, die sowohl auch Ochsen, Kühen als auch anderen Tieren bestehen konnte. Eben das, was man den Bauern bei der letzten Requirierung abpressen konnte. Für Peiting ist zu dieser Zeit die Einschleppung einer Seuche durch das Militär sicher nachgewiesen.

Diese Seuche erscheint auch in den Stadtratsprotokollen von Schongau als eine gefährliche Pferde- und Viehseuche. Der Schongau Tagwerker Felix Huber hat mit drei Gehilfen in der Nacht Gruben für das gefallene Vieh gegraben, wofür jeder mit einem Gulden entlohnt wurde. (LIL 1970, S. 43)

1794 "Es ist heuer mehrmals wegen erlittener doppelte Schauer dann grossen Krise (Krieg!) ein Nachlaß gewährt worden".

Johann Eugen von Oberdorf der Erfinder der. Maus mach hin.

"mehrmal wegen erlittenem Mausbiss und anderer Misswachs im Gertraid und Futterey vom ordentlichen Zins 5 pro Cento nachgelassen worden". (1795 und 1796)

Der Mausbiss war damals wie heute ein Problem.  Schon 1774 heißt es in den Rechnungen "nach der Prozession, so am verflossenen Pfingsttag in den Feldern wegen des Mausfraß gehalten worden" . Stellte man damals die Schädlinge fest, zog man in die Felder und erbat den Segen für eine gute Ernte. Wenn das nicht half, was in der Regel der Fall war, bestellte man im Kloster St. Mang in Füssen den St. Mang Stab, dem heilende Kräfte nachgesagt wurden. Ein Mönch des Klosters begleitete den Stab bis nach Altenstadt , wo er am Ortsrand von Pfarrer und den Messdienern empfangen wurde und in einer kleinen Prozession zur Kirche begleitet wurde. Dort wurde dann ein kurzer Gottesdienst abgehalten. Anschließend zog man in einer feierlichen Prozession in die betreffenden Fluren, segnete diese und steckte an drei Ecken des Feldes den Mang-Stab in die Erde. So sollten die Mäuse aus dem Feld vertrieben werden. Damit sie das aber konnten, wurde immer eine Ecke freigelassen. Damit sie den Weg in das Feld des Nachbarn fanden?! Später stellte man einen "Mauser", einen Mäusefänge r, an. 1823 waren es z. B. der Michael Dietrich, der Müller von Hohenfurch, bzw. Mang Nuscheler von St. Lorenz. In diesem Jahr müssen die Mäuse besonders schlimm gewesen sein. Im gleichen Jahr kaufte man beim Apotheker Schwarz in Schongau 44 Pfund Gift, welches der Gemeindevorsteher Ammersin an 20 Tagen in den Feldern verteilte. Darüber hinaus zahlte man an das Landgericht in Schongau für den Erfinder "Maus mach hin" Johann Eugen von Oberdorf 20 kr.
Um die Mäusevertilgung müssen sich die Ratsherren am 06.04.1832 kümmern.

"Da die im vorigen Jahr sehr stark überhand genommenen Feldmäusen großen Schaden verursacht haben, allein bereits in den Fluren wahrgenommenen Zeichen nicht unschädlich gemacht und dadurch die übertriebene Fortpflanzung und Vermehrung dieser Tiere den Fluren und Früchten im Sommer eine bei weitem noch größere Beschädigung droht, so soll nach einstimmigen Beschluß diesem allgemeinen Übel bei der gegenwärtig geeigneten Zeit durch eine allgemeine und zweckmäßige Abhilfe unverzüglich begegnet werde. Diese Abhilfe könnte zweckmäßig durch eine allgemeine Versammlung der hiesigen Güterbesitzer auf dem Rathaus erzielt werden". (LIL 1972,Schongau Chronik S. 83)

Auch 1904 waren die Mäuse noch ein Problem. "Für jede erlegte Maus auf dem Feld werden 20 Pf und für jede auf einer Wiese 25 Pf bezahlt. Die Gemeinde bezahlt 1904 für 258 erlegte Mäuse". (Göttler S. 73)

1797 "mehrmahl wegen erlittenen großen Schaden mit dem österreichischen Militär da 4 Lager ums Dorf waren, viele Quartier, Kost, Fuhren pp. mußten gegeben und gemacht werden.".

1798 "an Zinsen, wie oben berechnet, sind den abgebrannten Bürgern nachgelassen worden hiermit in der Ausgab als Verlust zu setzen"

"Nottabene: heuer mehrmahl wegen erlittener Schauer den 21 (Juny?) dann großer Ausgaben bei der Gemeinde auf das österreichische Militär besonders mit Abführung des Magazins von Schongau nach Holzkirchen der Zinsnachlass mit 1 fl 30 kr vergünstigt worden. Vorspanndienste und Verköstigung von Mann und Tieren".

1805 "Wegen der noch immer schweren Zeiten sind die Zinsen auch wieder zu 3% belassen, damit neben anderen drückenden Abgaben eine ehrbare Gemeinde wenigsten hierbei eine Erleichterung finden möchte."

So steht es nun am Ende jeder Rechnung

1808 "Seit 7 Jahren sind die Zinsen unveränderlich, welches vorhin noch niemalen geschehen, auf 3 pro Cent für das Hundert belassen worden. Außerordentliche Teuerungen, Kriege, Einquartierungen und Lasten haben hierzu Anlaß gegeben. Das dieser gar geringe Zins auch heuer nochmal nachgesehen werde hat das sonderbar herabfallen aller Getraidt Sorten veranlaßt. Weil der Landmann samt dem geringen Getriadt doch seine Aus- und Abgaben wie vor bestreiten muß so ist von der Verwaltung nochmal der geringe Zins zu 3 pro Cent gestattet worden."
In diesem Zeitraum war auch wieder der Milzbrand ausgebrochen (Rott ).
Durch Zufall erfahren wir von der Not des Jahres 1825/26. Als die Gemeinde beschloss eine neue Schule zu bauen, und hierfür bei Andreas Ammersin , Hausname: beim Vinzenzer, St. Lorenz Str. 12, Ignatius Kösl, Hausname: beim Schaber, Webergasse 4 und Eustachius Gast, Tischler, Hausname: beim Maler, St. Michael Str. 8, Georg Resle, Ziegler in Schongau , insgesamt 400 fl Kredit aufzunehmen, wurde dies – wie zu erwarten – von der Aufsichtsbehörde nicht genehmigt. Im Begründungsschreiben dazu heißt es

"Da aber die Gemeinde wegen der vor einem Jahr erlittenen Totalschauer nicht im Stande ist solche [400 fl] zu bezahlen; Diese Summe als Kredit auf zu nehmen und nach und nach zu ersetzen. Neuerdings aber hat die Gemeinde beschlossen, die Kuratelbehörde zu bitten, diese 400 fl zu genehmigen, da die Gemeinde durch den Einkauf des dringend benötigten Getreides nicht anders in der Lage ist diese 400 fl zu tilgen, als in 4 Jahresfristen zu je 100 fl"

Bezeichnend sind die Prallelen zum Jahr 1770.

welche durch den Viehfall, die so genannte Lungenseuche heimgesucht wurden

Die Seuchenhilfe 1841

In der Rechnung von 1841 erscheint folgende Position "dem Pfleger für 2 Gänge nach Schongau wegen der 9 verunglückten Männer". Das machte natürlich neugierig, wer die verunglückten waren und was für ein Unglück es gewesen sein soll.

1841 wurde Altenstadt von einer Viehseuche heimgesucht, der einige Tiere zum Opfer fielen. Sie wird als Lungenseuche bezeichnet, was den Schluss zulässt, dass es sich dabei um Lungenmilzbrand handelte, der seit Beginn des 19. Jahrhunderts wiederholt in den umliegenden Ortschaften auftrat. In Rott fielen in zwei aufeinanderfolgenden Jahren alle Pferde dieser Seuche zum Opfer (1808).Es könnte aber auch derLungenwurm gewesen sein, der 1845 in Peiting erheblichen Schaden unter den Tieren anrichtete.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass damals die Kühe noch in einer gemeinsamen Herde am Morgen dem Dorfhirten übergeben und am Abend zurück gebracht wurden. An Quarantäne war da nicht zu denken. Ein krankes Tier steckte die ganze Herde an, was in kürzester Zeit zum Tod aller Tiere eines Dorfes führen konnte. Im Genehmigungsantrag, den die Gemeinde nach Schongau schicken musste, ist folgendes zu lesen:

"[An das] Königl. Landgericht Schongau Die unterzeichnende Landgemeinde Verwaltung bittet um folgende Genehmigung: Die Gemeinde Altenstadt hat am 08. Juni 1841 beschlossen, daß den verunglückten Viehbesitzern , welche durch den Viehfall, die sogenannte Lungenseuche heimgesucht wurden, durch den St. Silvester Wohltätigkeitsfond eine kleine Unterstützung des betreffenden Activrestes gereicht werden soll.
Da die Gemeinde Altenstadt einen abschriftlichen Entwurf von der königl. Regierung, Kammer des Innern, vom 17. August 1822 besitzt in dem nach dem § 5 die verunglückten Gemeindeglieder zu unterstützen sind. Nach ihren Unglücksfällen ist bestimmt worden, dass 71 fl gegeben werden sollen."

Betroffen waren:
  1. der Söldner Martin Ressle, gen. Doris Bauer, Schongauer Str. 8 , mit 15 fl,
  2. Josef Anton Miller, gen. der Linder Bauer, Schongauer Str. 1, mit 13 fl,
  3. Alex Schleich, gen. der Vestler Bauer, Schongauer Str. 7, mit 11 fl,
  4. Michael Kögl, gen. der Schwabbauer, mit 8 fl,
  5. der Schuhmachermeister Josef Schweiger, gen. der Nazl mit 6 fl,
  6. der Schuhmachermeister Anton Miller, gen.der Baggar mit 6 fl,
  7. der Schäffler Florian Steiner, gen der KuserBauer, St. Lorenz Str. 1, mit 5 fl,
  8. der Leinweber Ignatius Köhsl, gen. der Schaber, Webergasse 4, mit 3 fl und die
  9. Witwe  Schreiber, gen. beim Hoara, Molkereiweg 2, mit 3 fl.
Leider ist nicht bekannt, wie viele Tiere jeweils entschädigt wurden. Schon Jahre vorher hat es wohl schon einmal ein ähnliches Unglück in Altenstadt gegeben, denn 1823 wurden drei Bauern für den Verlust von Tieren entschädigt.

Joseph Anton Steb bekam 5 fl weil "derselbe um seine beiden Vinschgau Ochsen durch einen Unglücksfall gleich nacheinander an einem Tag umkommen. Also musste man ihm Hilfe leisten weil er sonst keine anderen nicht mehr kaufen könnt. "
Ebenfalls erhielt der Martin Schießl (gen. beim Häusler, Michael Str. 5, 15 fl weil "derselbe durch einen Unglücksfall um eine Kuh kommen und bei selbem höchst nötig" war Hilfe zu leisten.
Ferner Thomas Seelos,gen. Bachjosel, St. Lorenz Str. 13, "welcher alle Jahr im Stall unglücklich war und heuer auch wieder durch einen Unglücksfall um eine gekommen 15 fl".
Über eins darf man sich aber im Klaren sein, wenn die Stiftungsverwalter jemand wegen "höchst nötiger Hilfe" solche Summen zukommen ließen, dann war die Not groß!

Schluß

Den Wert dieser Stiftung für Altenstadt für die damalige Zeit kann man gar nicht hoch genug bewerten. 1835 heißt es in der Rechnung:

"Von der Baurischen Verlassenschaft wurde zum Schulfond 25 fl und zum Armenfond 25 fl vermacht. Da weder ein Schul- noch ein Armenfond hier errichtet ist, fällt dieses Vermächtnis der St. Silv. Stiftung anheim. Weil die Wohltätigkeitsstiftung alles bestreitet. Aus dieser Stiftung wird für die armen Kinder Schulgeld, Bücher, Schreibmaterialen p p. angeschafft und brauchen Arme etwas Unterstützung, so wird für dieselbe gewiss gesorgt"
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