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Am 06. November 1980 verstarb im Alter von 97 Jahren der – vormals – älteste Bürger der Stadt Drolshagen, letzte Glöckner und letztes noch lebendes Gründungsmitglied des Musikzuges Drolshagen. Er wurde am 14. März 1883 als Sohn von Peter Josef Alterauge und seiner Frau Catharina, geb. Bertram, in Drolshagen geboren. Neben seinem bewegten Leben fand er auch immer wieder Zeit das aufzuschreiben, was ihm wichtig erschien. So hinterließ er nicht nur ein Kriegstagebuch aus dem 1. Weltkrieg sondern auch ein „Merkbuch“, in dem er akribisch die Kosten seiner Hochzeit und die Anschaffungen des Hausstandes notierte. Daneben noch einige Bilder und Aufzeichnungen zu ‚seinen Glocken’ .
„So haben wir jetzt ein schönes vollkommenes Geläute“Heinrich und die Glocken
Immer und zu allen Zeiten spielten die Glocken der St. Clemenskirche eine besondere Rolle in Drolshagen und im Umland. Sie riefen nicht nur zu den Gottesdiensten, sondern warnten auch vor Sturm und Feuer. Drolshagen verfügt heute über die größte Stahlgussglocke und neben Soest und Minden auch über das anspruchsvollste Geläut im Bistum Paderborn. Alle sieben Glocken bringen es zusammen auf 18.000 kg. Das macht deutlich, welche Kräfte nötig waren, um ein solches Geläut von Hand zu bedienen. Neben der erforderlichen Kraft gehörte auch großes Geschick und Können dazu, die verschiedensten Läutarten zu beherrschen. Ab 1893, Heinrich war gerade 10 Jahre alt, ging er mit dem Drolshagener Küster Johann Josef Hesse, gen.Küsters Hanssäip, auf den Turm der Kirche, um das Läuten zu erlernen. Mit dabei war auch Franz Hesse, der Sohn des Küsters. Mit Franz verband ihn nicht nur das Läuten, sondern sie sollten auch zusammen am 1. Weltkrieg teilnehmen. Während dieser Zeit versah die Frau von Franz Hesse auch den Küster- und Glöcknerdienst.
Aufgrund der Rohstoffknappheit im 1. Weltkrieg mussten auch die Drolshagener fast alle ihre Bronzeglocken abgeben. Sie wurden 1918 abgehängt und vom Turm geworfen. Als Heinrich aus dem Krieg zurück kehrte, befand sich nur noch eine Bronzeglocke im Turm. Mit aller Macht setzte er sich für die Anschaffung neuer Glocken ein. 1922 konnten neue Ersatzglocken aus Stahl in den Turm gehängt werden. Ein rhythmisches Geläut, wie es sich Heinrich Alterauge vorstellte, war damit nicht mehr möglich. Für ihn war das Läuten zu einer Zumutung geworden.
Wie sehr ihn das schlechte Geläut störte, kann man daran sehen, dass er noch 1937 auf die Rückseite seines aufgehobenen Programmblatts der Glockenweihe von 1922 die Geschichte ‚seiner Glocken’ schrieb:
"Die Pfarrgemeinde Drolshagen erhielt im Jahre 1842 drei neue Bronzeglocken Töne c, s, h. Die zwei Glocken c und s mussten im Weltkriege dem Staate abgeliefert werden für Kriegszwecke, sie wurden abmontiert und runter geworfen 1918. Im Jahre 1922 schritt die Pfarrgemeinde zu zwei neuen Glocken, Töne s + c, Stahlglocken. Diese passten aber nicht zu der alten Marienglocke von 1842. Herr Pfarrer Wälter wollte leichtere Glocken haben, die Gemeinde aber schwere Glocken, und so entstand ein heftiger Streit. Die Gemeinde aber siegte. Man behalf sich 15 lange Jahre. Dann kamen zu den zwei Stahlglocken zwei neue Bronzeglocken f und g hinzu im Jahre 1937. Josef- und Marien-Glocke. Die alte Marienglocke von 1842 mußte wegen den beiden neuen abgeschafft werden. So haben wir jetzt ein schönes vollkommenes Geläute. Clemens Glocke: 1314 kg, Hosianna Glocke 1738 kg angeschafft bei Pfarrer Wälter. Josef Glocke 930 kg, Marienglocke 630 kg angeschafft beim Dechant Kleeschulte. Diese beiden […] Glocken eingeweiht November 1937. Sanktusglöckchen erhielten wir mit den neuen Glocken Josef und Maria."
1953 erhielt er vom Pastor Becker eine handgemalte Urkunde für seinen 60jährigen Glöcknerdienst in Drolshagen. Nicht ohne Grund war er darauf immer besonders stolz. Bedingt durch seine Tätigkeit und seine tiefe Religiosität waren ihm die Belange der Drolshagener Kirche ein besonderes Anliegen. Wenn er in seiner knapp bemessenen Mittagspause von der Firma Meyer und Teubner kam, ging er zuerst auf den Turm, um die Kirchenuhr Uhr zu stellen.
Einmal waren die Kirchenbänke so schlecht, dass die Gefahr bestand, dass sich die Gottesdienstbesucher an den Splittern ihre Sonntagskleidung zerrissen oder sich gar verletzen konnten. Als er mal wieder den Pfarrer in der Kirche antraf sagte er zu Ihm.
„Vie munt nigge Bänke in der Kärke hän, wann i dat nit daunt, dann schlon ik die ollen kaputt und wann i mie ut der Kärke schmietent, dat is mi dann ouk egal, nigge Bänke munt vie hän!“
(Wie müssen neue Bänke haben. Wenn ihr das nicht macht, schlage ich die alten kaputt und wenn ihr mich dafür aus der Kirche ausschließt, ist mir das auch egal, neue Bänke müssen wir haben.)
Vielleicht war sein durch das Läuten geschultes Musikgehör der Grund, warum er sich schon früh für die Blasmusik begeisterte.
"Ich gab zur Trommel sofort bei der Gründung der Musik 60 Mark"Heinrich und die Musik
Heinrich wuchs in einer Zeit auf, die vom Macht- und Prunkgehabe des Kaisers Wilhelm geprägt war. Der Militarismus und die damit verbundenen Militärparaden spielten in dieser Zeit eine besondere Rolle. Die Blasmusik mit ihren Umzügen und Vorbeimärschen wurde zur Parade des kleinen Mannes. Musik und Tanz waren aber auch Ausdruck einer Aufbruchsstimmung in der man sich befand.
Seit 1889 gab es eine Musikkapelle in Iseringhausen und 1892 gründete man eine zweite in Schreibershof. Diese Musikvereine begleiteten auch die kirchlichen Umgänge und Prozessionen in und um die Stadt und nahmen an den Schützenfesten und anderen gesellschaftlichen Veranstaltungen teil. Auch der entstehende Drolshagener Musikverein erhielt, wie schon die Iseringhauser und Schreibershofer, sein musikalisches Rüstzeug von Mathias Wintersohl. Wenn man heute davon ausgeht, dass es 1898 zur Gründung der Drolshagener Musik kam, dann begann Heinrich seine musikalische ‚Ausbildung’ etwa im Alter von 15 Jahren in Siebringhausen und Dirkingen. Dort bewohnte Florian Wintersohl, der Sohn von Mathias Wintersohl, mit Peter Josef Schmidt einen Doppelhof. Peter Josef Schmidt war der zweite Dirigent der Drolshagener Musik und bis 1902 fanden die Proben der Musiker deshalb bei Schmidts in Dirkingen statt4, was für Heinrich noch eine besondere Rolle spielen sollte. Er hätte gern ein Blasinstrument gespielt, aber das ließ seine Gesundheit nicht zu. So übernahm er im neuen Verein die ‚dicke Trommel’, wie er es nannte. Das mag seinem geschulten Rhythmusgefühl durchaus entsprochen haben. Woher die ersten Instrumente des Vereins kamen, bleibt unklar. Weder die Musiker noch der Verein verfügten in den ersten Jahren über das notwendige Geld und reich werden konnte man beim Musizieren auch nicht. Wie groß der Idealismus der ersten Musiker war, lässt sich an der Trommel von Heinrich Alterauge gut zeigen. Als diese 1910 endlich angeschafft werden konnte, schrieb er auf die Innenseite seiner ‚dicken Trommel’:
"Die Trommel kostete 1910 65 Mark. Die Deckeln das Stück 19 Mark. Ich gab zur Trommel sofort bei Gründung der Musik 60 Mark. Nachher gab ich noch den Verdienst von 5 oder 6 Festen in Höhe von circa 30 Mark. Geschrieben 1911 – Heinrich Alterauge"
Der erste Auftritt der Musik nach dem ersten Weltkrieg fand beim Kriegsheimkehrerfest 1920 statt. Nach der Unterbrechung durch den 2. Weltkrieg kam es 1949 zu ersten Zusammenkünften, denen am 29. Juli eine Gründungsversammlung folgte. Die Musikkapelle erhielt nun den Namen Feuerwehrmusikzug Drolshagen
dessen Kapellmeister Fritz Simon und 1. Vorsitzender Heinrich Alterauge wurde.
Nach der langen Pause durch den Krieg galt es bei den Proben einiges aufzuholen, was nicht immer reibungslos verlief. Auch Heinrich Alterauge, in dieser Zeit sicher einer der ältesten, aktiven Musiker und für sein Engagement ebenso bekannt wie für seinen Eigensinn, musste diese Erfahrung machen. Bei einer der Proben für den Kaiserwalzer fiel er zweimal auf, weil er seinen Einsatz verpasste. Die Zurechtweisung durch den Dirigenten Simon (1949-1951) ließ nicht lange auf sich warten. Als Heinrich am folgenden Tag für seine Kuh am Herrnscheid Gras mähte, sah er in der Ferne seinen Dirigenten und rief ihn mit den Worten "Kümm ens no mie!" zu sich und gab ihm die Sense mit den Worten "Mäh ens!" in die Hand. Obwohl ihm die Kenntnisse fehlten, holte der Dirigent weit aus und schlug die Sense bis zur Hälfte in den Boden. Heinrich musste sie mit beiden Händen wieder herausziehen. Sehr zufrieden mit dem Ausgang dieses Vergleichs stellte er fest "Dou kannst ouck nit ales – mähen kann ick aber".
Bis zum Ende der 50er Jahre war er aktives Mitglied des Musikzuges und trug bis zu dieser Zeit auch die – für heutige Verhältnisse – sehr schwere Trommel. Und das meint nicht nur zu den Umzügen und Vorbeimärschen, an denen der Musikzug teilnahm, sondern auch auf dem Hin- und Rückweg, der noch zu Fuß zurück gelegt werden musste, wenn man auswärts spielte.
Im Jubiläumsjahr 1972 wurden die zwei noch lebenden Gründungsmitglieder Heinrich Alterauge und Josef Kick zum Ehrenmitglied bzw. Ehrendirigenten ernannt.
Heinrich war aber nicht nur begeisterter Musiker sondern ebenso ein begeisterter Feuerwehrmann. Deshalb bezeichnete er es als seinen größten Erfolg, als er es 1926 schaffte, dass sich der Drolshagener Musikzug endgültig der Feuerwehr anschloss und sich fortanFeuerwehrkapelle Drolshagennannte. Während man früher nur einheitliche Schirmmützen zum sonst zivilen Anzug trug, gab es jetzt 14 Röcke und Leibriemen aus Tuch für die Musik.
Drolshagen und seine Feuerwehr verbindet eine besondere Geschichte. Der große Stadtbrand von 1838. Dabei verlor die Familie von Heinrich Alterauge nicht nur ihr Haus, sondern sie mussten ihr neues Haus auch an einer anderen Stelle in der Stadt wieder aufbauen.
Am 10. Mai 1838 sank die Stadt Drolshagen durch einen Brand in Schutt und Asche. Die Zerstörung war so groß, das ein Wiederaufbau der Stadt nur nach neuen feuertechnischen und baulichen Vorschriften in Frage kam. Nun sollten von der neuen gradlinigen Hauptstraße alle Seitenstraßen – wenn möglich – im rechten Winkel abbiegen. Dafür übertrugen alle Eigentümer ihr Grundeigentum der Stadt, diese legte den Straßenverlauf fest und teilte danach die Parzellen für den Wiederaufbau ein. Nun konnte fast jeder Eigentümer seine alte Parzelle wieder erwerben. Der ehemalige Hausplatz von Johann Josef Alterauge wurde allerdings völlig von der neuen Kreuzung Brunnenstraße – Marktplatzstraße überdeckt. Er erwarb bei der öffentlichen Versteigerung eine neue Bauparzelle in der Brückstraße und so wanderte auch der Hausname"Olenjohanneses" zum neuen Haus in die Brückstraße, Hausnummer 1.
Beim Brand war der Vater von Heinrich gerade ein Jahr alt aber der Feuerschutz blieb auch in den nachgeborenen Generationen immer ein besonderes Thema. Erst der 1895 eingesetzte Amtmann Rudolf Diekmann aus Borken, selbst seit 8 Jahren Mitglied der dortigen Feuerwehr, verlieh diesen Anliegen in Drolshagen aber den nötigen Nachdruck. Als am 20.05.1896 die ersten Drolshagener ihre Beitrittserklärung unterschrieben, war neben anderen ‚Alteraugen’ auch ein "Josef Alterauge" dabei. Ob es sich dabei um den Vater von Heinrich gehandelt hat, kann ich nicht sicher sagen. Wenn man allerdings sieht, dass Heinrich 1901 im Alter von 18 Jahren der Feuerwehr beitrat, könnte man annehmen, dass er es kaum erwarten konnte, das erforderliche Eintrittsalter von 18 Jahre zu erreichen11. Was Heinrich anfing, erledigte er mit Leidenschaft und Fleiß. So ist es nicht verwunderlich, dass man ihn 1920 auch im Vorstand der Feuerwehr findet. Am 3. März 1946 nahm Heinrich an der ersten Jahreshauptversammlung der Feuerwehr nach dem Krieg teil und im Juli 1949 trat auch die ehemalige Musikkapelle der Feuerwehr wieder zusammen, nahm den Namen Feuerwehrmusikzug Drolshagen an und wählte Heinrich Alterauge zum 1. Vorsitzenden. Bei der Einweihungsfeier des neuen Feuerwehrhauses, 1953, wurde neben anderen auch Heinrich Alterauge für seine 50jährige Mitgliedschaft in der Feuerwehr geehrt. 1961 ehrte man nicht nur seine 60jährige Mitgliedschaft sondern besonders seine nunmehr 35jährige Tätigkeit im Feuerwehrmusikzug. Sein Leben lang blieb Heinrich seiner Musik und der Feuerwehr treu. Nur einmal kam es zu einer längeren Unterbrechung.
"Ich vergesse nie in meinem Leben diese schrecklichen Tage nicht, die ich hier in Verdun erlebt habe."Heinrich und der 1. Weltkrieg
Seine Grundausbildung leistete Heinrich als 26jähriger 1909 in Griesheim (bei Darmstadt), wo er als Sanitäter ausgebildet wurde. Wann er und seine Brüder Josef13 und Franz in den Krieg zogen, ist nicht bekannt. Im Unterschied zu seinen Brüdern führte Heinrich über diese Zeit Tagebuch. Eine Auswertung dieser drei Bücher muss allerdings einem anderen Artikel vorbehalten bleiben14. Seit 1914 war er Kriegsteilnehmer und verbrachte alle vier Kriegsweihnachten an der Front. Zuerst in Russland und dann in Frankreich. In Verdun erlebte er die schweren Kämpfe um das Fort Douaumont15. Damals wurden die Verwundeten noch von der vordersten Front durch die Sanitäter abgeholt. Deshalb kam es immer wieder vor, dass diese auf ihren Wegen ums Leben kamen. Obwohl viele seiner Kameraden zu Tode kamen, schreibt er nur einmal von einem dieser schrecklichen Erlebnisse.
"In der Nacht um 4 Uhr [28.10.16] kamen Buckelshausen und Husner vom Steilhang zurück und meldeten, dass, wo Dauber den Schuß bekam, hätte der Oberleutnant beschlossen, dass Buckelshausen, Husner und 2 Infanteristen den Dauber tragen sollten, dies war noch am Steilhang in der Nähe des Forts Duamont [= Douaumont]. Als die 4 Mann den Dauber getragen haben, bekam einer der Infanteristen einen Bauchschuss und war auf der Stelle tot. Daraufhin haben Buckelshausen, Husner und der Infanterist den Verwundeten in ein Granatloch getragen, dem fürchterlichen Granatfeuer, welches die Franzosen auf uns richteten, so haben sie hier den ganzen Tag gelegen bis zum Abend. Am Abend haben sie Dauber 100m weiter vor in einen Unterstand getragen. Daraufhin verließen Buckelshausen und Husner den Verwundeten, ohne ein Kennzeichen zu hinterlassen. Es war dies ein großes unbekanntes gefährliches Gelände. Als die Meldung gemacht war, zogen Mertens16, Figgen, Turissen und ich freiwillig vor zum Steilhang, um Jub Dauber zu holen. Es war dies eine gefährliche Sache. Buckelshausen und Hüsner konnten vor Müdigkeit nicht mitgehen. Wir vier fanden aber den Dauber nach dem eifrigsten Suchen nicht, mußten also ohne den lieben Jub Dauber zurück. Ein großes Leid für uns und besonders für den lieben armen Jub Dauber, wo er nun war, wer weiß es?"
In der Nacht des 29.10.16 suchten abermals vier Mann und wurden dabei von drei Hundeführern mit ihren Hunden unterstützt. Aber auch sie fanden ihn nicht. "Nach meiner Meinung musste Jub Dauber in dem Unterstand verschüttet sein, einen bitteren Tod muß er in dieser Weise gehabt haben", schrieb er an diesem Tag.
Aufgrund der heftigen Kämpfe können sie sich in den nächsten Tagen nicht mehr um Dauber kümmern. Sie verlieren noch die Träger Schall, Bösler und Bamberger, bevor sie abgelöst werden und weitermarschierenzum Dorfe Deluit. Am 07.11.1916 erfährt er, dass Dauber von Krankenträgern gefunden worden sei und im Lazareth Nr. 5 liege. Sie schaffen es, den sehr schwachen aber munteren Dauber zu besuchen. Dieser spricht aber erst mit ihnen, als sie ihm versichern, dass sie ihn sogar mit Hunden gesucht haben. Dann erzählt er "er soll 7 Tage im Unterstand gelegen haben".
Später schreibt er über diese Zeit "… ich danke meinem lieben Gott für den Schutz. Ich vergesse nie in meinem Leben diese schrecklichen Tage nicht, die ich hier vor Verdun erlebt habe."
Die ständige Bewegung, in der sie sich befanden, hatte auch zur Folge, dass sie oft tagelang von ihren Notrationen leben mussten. Auch hier hält sich Heinrich mit seinen Schilderungen sehr zurück. Nur gelegentlich liest man "… konnten uns mal wieder richtig satt essen" oder "Bekamen mal wieder eine warme Mahlzeit". Am 16.11.1917 fingen sie eine Katze und diese "… wurde an diesem Tage als Goulasch hergestellt und als Soße bei Kartoffeln, es schmeckte vorzüglich. Am Abend … kam der zweite Braten gelaufen."
All diese Erlebnisse sollten sein späteres Leben prägen. Sein letzter Eintrag vom 29.11.1918 "Frankfurt. Hier gaben wir unsere Sachen ab" beendet seine Kriegszeit und kurze Zeit später wird er in Drolshagen angekommen sein.
Seine Hochzeit 1919
Wie schon gesagt, fanden die Proben der Drolshagener Musik im Doppelhaus Schmidt/Wintersohl in Dirkingen statt. Bei diesen Proben lernte Heinrich Alterauge auch seine spätere Frau kennen, Berta Wintersohl (*08.06.1894 – 14.06.1979). Sie war eine Tochter von Florian Wintersohl, der ebenfalls Gründungsmitglied der Drolshagener Musik war. Aber der Krieg verhinderte eine baldige Hochzeit und so gingen erst einmal für Jahre die Pakete und Postkarten hin und her."Am 27.7.1915 schickte ich einen Ring nach meiner Berta". Die Verlobung mussten sie allerdings wieder verschieben.
"Donnerstag, 6.4.1916. Am Morgen holte ich Holz aus dem Walde, um 10 Uhr erhielt ich Nachricht von meinem Urlaub. Am Nachmittag fuhr ich von Lancon(?) nach Drolshagen. Freitag 7.4.1916. Am Mittag kam ich in Drolshagen an, am Abend ging ich nach Dirkingen. Am Ostermontag 1916 [10.04.1916] feierte ich Verlobung in Dirkingen, es war eine schöne Feier."
Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg konnten sie endlich ihre Hochzeit planen. Er hatte zwar 8.000 Mark aus dem Krieg mitgebracht18, aber die Inflation war zu dieser Zeit schon so offensichtlich, dass die Zeit drängte, wenn er für das Geld noch etwas erhalten wollte. Nachdem in Drolshagen die Übergabe des elterlichen Hauses geregelt war, heirateten sie am 26.11.1919 standesamtlich und einen Tag später kirchlich. Die Feier fand in Drolshagen statt.
Nach seiner Hochzeit kaufte er sich ein „Merkbuch“ und schrieb auf die erste Seite:
"Einige Angaben über die Anschaffung meines Mobiliars. Bei meiner Verheiratung im Jahre 1919 Anno"
Der Inhalt dieses Buches geht jedoch weit über den Titel hinaus. Es finden sich nicht nur seitenlange Listen über jedes Teil des angeschafften Hausrats20 sondern auch die Wertansätze der Geschenke, die sie empfangen haben. Darüber hinaus sind die Einträge teilweise bis 1922 fortgeschrieben und reichen damit in die Zeit der Inflation. Eine Quelle von besonderer Bedeutung! Hier können nur einige Beispiele folgen: Zu Heinrichs Aussteuer gehörten:
"8 Bettücher, 30 Hemden, 20 Strümpfe, 3 Sonntags-Anzüge, 3 Überzieher, 6 Handtücher, 5 Unterjacken und 10 Unterhosen"
Die Brautschuhe für Berta kosteten die stolze Summe von 800 Mark (Inflation!) und die Anzeige in der Olper Zeitung 9 Mark.
An diesem Festtag verbrauchte man vier Pfund Kaffee und damit war echter Bohnenkaffee gemeint, denn viel zu oft gab es nur Zichorienkaffee oder noch schlechter, den aus gerösteten Roggenkörnern selbst hergestellten 'Roggenkaffee' als Kaffeeersatz. Den begehrten und im Krieg rationierten Zucker musste er für 50 Mark kaufen, obwohl er "20 Pfund kaputten Zucker aus dem Krieg geschickt" hatte. Ob er allerdings auch alle 200 Zigarren verbrauchte, die er "beschaffte", wie er ausdrücklich vermerkt, bleibt unbeantwortet. Geraucht hat Heinrich bis zu seinem Tod, wenn auch nicht mehr seine geliebten Zigarren sondern eine lange Pfeife, die ihm seine Tochter immer stopfte. Von der Familie seiner Frau aus Dirkingen bekam er zur Hochzeit:
"Ein ganzes Kalb, einen 25 Pfund schweren Schinken, 2 Eimer voll eingemachten Birnen, 1 Eimer voll schönen Apfelkompott, 20 schöne große Kuchen von Berta gebacken und Printen und Konfekt"
Sein letzter Eintrag zur Hochzeit lautet:
"Am Abend um 8 Uhr brachte uns der Musikverein Drolshagen ein schönes Ständchen mit Potpurie […], darauf Märsche. Die Musik bekam zu essen darauf folgte dann der Tanz, um 3 Uhr nachts wurde die Feier geschlossen. Wwe. Bernhard Bonzel bekam auch von uns den Tag zu essen. Es waren im ganzen 70 Gäste auf unserer Hochzeit die Feier gestaltete sich großartig. Kuchen und Essen war in Hülle und Fülle da. Wir können mit Stolz auf unsere Hochzeit zurück blicken."
Am Schluss noch eine Anmerkung zu seiner Hochzeit. Der Hunger, den er im Krieg erlebte, die entbehrungsreiche Zeit für die Angehörigen zu Hause und die zu dieser Zeit schon ausgeprägte Inflation ließen wieder das Schlimmste befürchten. Das erklärt auch, warum es ihm so wichtig war, dass an diesem Tag alle genug zu essen bekamen. Diese Erfahrungen und der folgende 2. Weltkrieg werden auch der Grund gewesen sein, warum Heinrich so lange an seiner kleinen Landwirtschaft festhielt. Noch im hohen Alter, als die meisten Drolshagener Kleinbauern ihre Landwirtschaft schon längst aufgegeben hatten, fuhr er noch mit seiner hölzernen Schubkarre den Mist quer durch Drolshagen hinaus auf sein Feld.
Er und seine Frau waren es auch, die nach dem 2. Weltkrieg mit ihrer kleinen Landwirtschaft die Nachbarn unterstützen konnten. Besonders den Nachbarskindern, deren Väter gefallen oder noch in Kriegsgefangenschaft waren, halfen sie gerne. Wenn am Drolshagener Bahnhof mal wieder ein mit amerikanischem Maismehl beladener Zug stand, dann zogen die Kinder los und "organisierten einen Autoreifen voll Mehl" um diesen bei "Tante Berta und Onkel Heinrich" gegen zwei Eier oder einen Liter Milch einzutauschen. Wenn die Nachbarskinder ‚zufällig’ am Abend kamen, gab es oft bei Tante Berta so genannte "Schubkarren“ zu essen. Das war eine Scheibe Brot, dick belegt mit warmen Bratkartoffeln die sogar "mit Speck gebraten waren".
1922 fertigte er selbst ein Kinderbett und kaufte für die Zwillinge Paul und Paula jeweils ein Kleid (wohl Taufkleid) für je 49 Mark. Von seinem Musikerkollegen Paulus Meinerzhagen konnte er die Kinderwäsche kaufen. Darunter"20 Kinder Jäckelchen für darunter, 14 gute und 6 schlechte, 2 kleine Nabelbändchen, 1 Außenwindel,1 gute mit außen gestickter Außenwindel zur Taufe alles zusammen kostete 100 Mark". Zur Taufe selbst bekam er von Franz (wahrscheinlich Franz Alterauge aus Rosenthal) "100 Mark, 2 Pfund Mehl, 1 Pfund Butter, ich kaufte dazu 1 Pfund Kaffee für 15 Mark und 1 Pfund Konfekt für 12 Mark"
Für die Hebamme zahlte er 150 Mark. Dabei handelte es sich um "Voßes Sefchen" aus dem Schützenbruch. Sie war verheiratet mit Wilhelm Bieker, dem Dirigenten der Schreibershofer Musik24, der selbst als Militärmusiker am Weltkrieg teilgenommen hatte. Da gab es bei den nachfolgenden Hausbesuchen der Hebamme sicher viel zu erzählen!
Den Eheleuten wurden insgesamt vier Kinder geboren. Heinrich, Paul und Paula (Zwillinge) und Klara. Aber auch schwere Schicksalsschläge blieben nicht aus. So starb die Tochter Klara im Alter von 18 Jahren an Diphtherie. Der Sohn Paul wurde 1939 gemustert, 1940 zum Küstenschutz an der französischen Kanalküste eingezogen und fiel am 10.02.1942 in Russland. Damit war Paul Alterauge einer der sechs Kameraden, die der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr durch den 2. Weltkrieg verlor. 1969 konnten Heinrich und Berta Alterauge ihre Goldene Hochzeit feiern. Beide waren zu dieser Zeit noch so rüstig, dass sie alle anfallenden Arbeiten selbst erledigen konnten.
Heinrich war nicht nur fast 80 Jahre Mitglied der Feuerwehr, fast 60 Jahre verheiratet und ebenso lange Drolshagener Glöckner sondern arbeitete auch 44 Jahre in der Packstube der Firma Mayer und Teubner. Aber auch dieses Herz hörte irgendwann auf zu schlagen. Am 10. November 1980 wurde Heinrich Alterauge unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen.
Den nächsten Vortrag können Sie am Mittwoch, 30. März 2011 im Pfarrsaal in Peiting hören. Thema: Die Vögte von Schongau - Die mächtigsten Männer des 13. Jahrhunderts kamen aus Hausen bei Peiting!